„Viele Filme holen mich emotional nicht mehr ab“
veröffentlicht am 17.10.2026 | Lesezeit: ca. 8 Min. | von
Fatih Akin, geboren 1973 in Hamburg, zählt zu den erfolgreichsten Regisseuren Deutschlands. 2004 wurde sein Drama „Gegen die Wand“ mit Sibel Kekilli mit einem Goldenen Bären, dem Deutschen und dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet. 2007 erhielt „Auf der anderen Seite“ in Cannes den Preis für das beste Drehbuch. Mit „Aus dem Nichts“ legte Fatih Akin 2017 seinen bislang größten Erfolg vor. Das Drama um einen Neonazi-Anschlag gewann den Golden Globe und den Deutschen Filmpreis. Diane Kruger bekam in Cannes die Goldene Palme. Im vorigen Jahr folgte „Amrum“, die Kindheitserinnerungen von Hark Bohm an das Ende des Zweiten Weltkrieg. Nun erzählt „Geister“ eine rigorose Lovestory in Hamburg. Mit dem Regisseur unterhielt sich Dieter Oßwald.
Doppelpunkt: Herr Akin, die „Geister“ dürften für Menschen mit Höhenangst eine kleine Mutprobe sein...
Akin: Das stimmt! Ich kann manche Szenen selbst kaum anschauen, weil ich unter Höhenangst leide. Und dabei weiß ich ja ganz genau, wie wir diese Szenen gedreht haben! (Lacht) Irgendwann habe ich in Budapest einmal einen Bungee-Sprung gewagt, um damit meine Höhenangst zu überwinden. Aber das hat nichts gebracht. Im Gegenteil, das hat es noch verschlimmert!
Doppelpunkt: Für Zyniker dürfte „Geister“ gleichfalls zur Mutprobe werden. Welche Rolle spielt „Mehr Romantik wagen“ für Sie?
Akin: Ich schaue viele Filme und verfolge, was im Festival-Zirkus so los ist. Dabei fällt mir in letzter Zeit immer mehr auf: Wahnsinnig viele Filme holen mich emotional nicht mehr ab. Das sind handwerklich wunderbare Filme, die sind echt gut gemacht und haben eine Idee. Aber sie berühren mich nicht.
Doppelpunkt: Was braucht ein Film, damit er Sie abholt?
Akin: Ich bin so ein Popcorn-Typ. Ich möchte von einem Film emotional berührt werden. Wenn ich einen Film sehe, der mich wirklich packt, dann geht mir das nah. Und dann haben Sie diese ganzen gefeierten Filme auf den Festivals, ich will jetzt keine Titel nennen, und die berühren mich nicht.
Doppelpunkt: Sind die „Geister“ die Antwort auf die Kälte im Kino?
Akin: Ich habe meinen Film nicht als Gegenentwurf gemacht. Soll ich mir sagen, die Kritiker wollen Filme, die einen emotional nicht mehr berühren, also muss ich das jetzt auch machen? Oder muss ich es so machen, wie es mich selbst berühren würde? Wenn ich auf meinem Regiestuhl sitze, denke ich nicht: Wie berührt das jemanden? Ich denke: Wie muss ich es machen, damit ich es glaube?
Doppelpunkt: Gibt es noch Publikum für Romantik?
Akin: Ja, und ich glaube, dieses Publikum ist groß und geht durch alle Altersgruppen. Es gibt eine Sehnsucht nach Romantik. Gerade weil es heute von manchen Leuten fast als verpönt oder cringe betrachtet wird, wenn sich jemand verliebt. Dabei verliebt sich der Mensch nun mal. So hat die Biologie das eingerichtet. Ich bin Filmemacher geworden, weil ich so oft unglücklich verliebt war. Aus keinem anderen Grund habe ich diese Karriere eingeschlagen.
Doppelpunkt: Im Unterschied zum beschaulichen „Amrum“ vom Vorjahr bietet diese Lovestory aufregende Action. Ob unter Wasser im Hafen oder auf dem Fernsehturm. Haben Sie die Gemütlichkeit am Set vermisst?
Akin: „Amrum“ war auch schwierig, aber im Vergleich war das ein Spaziergang. Für das Verlieben zu Beginn bleibt diesem Paar nur ganz wenig Zeit. Wenn diese Szenen nicht sitzen und der Zuschauer da nicht mitgeht, kann man den Film in die Tonne treten. Ganz abgesehen von den technischen Herausforderungen wie nächtlichen Drehs unter Wasser oder auf dem Fernsehturm. Das war das größte Set, das ich je hatte.
Doppelpunkt: Was macht diese Liebesgeschichte erzählerisch so kompliziert?
Akin: Die beiden verlieben sich, aber die Frau stirbt gleich am Anfang. Danach geht die Beziehung weiter, aber nur in den Träumen. Das alles glaubwürdig zu gestalten, war ganz schön schwierig. Vielleicht sollte ich nächstes Mal zur Erholung ein Kammerspiel machen, wo zwei Menschen im Raum sitzen und nur reden: „Mein Essen mit André 2“! (Lacht)
Doppelpunkt: Da könnte sich der Tom Tykwer-Kameramann Frank Griebe vermutlich nicht so austoben wie in „Geister“?
Akin: Der Frank hat den Drehort am Hafen akribisch ausgeleuchtet. Aber ich hatte das Gefühl, er leuchtet die ganze Stadt aus. So viele Licht-LKWs hatte ich am Set noch nie gesehen. In einer Pause habe ich mal gezählt und kam auf 25 Trucks.
Doppelpunkt: Statt auf Stars wie Diane Kruger oder Matthias Schweighöfer setzen Sie diesmal auf Newcomer. Wie haben Sie Eren M. Güvercin gefunden, der an den jungen Timothée Chalamet erinnert?
Akin: Die Agentur und meine Frau Monique, die das Casting gemacht hat, haben ihn vorgeschlagen. Ich fand ihn bei der persönlichen Begegnung spannend. Bei einem Mittagessen hat er ein bisschen von seinem Leben erzählt. So ein Berlin-Kreuzberger Jung. Wahnsinnig schlau, ein Kopftyp, so ein Nerd. Der bringt viel mit, ist interessant und sieht dabei gut aus. Ich fand ihn einfach als Typ spannend.
Doppelpunkt: Neue Männer braucht das Kino-Land?
Akin: Am Anfang war schon die Frage: Was für ein Mann ist das? Man muss sich entscheiden zwischen einem muskelbepackten Sixpack-Typen und einem, bei dem man sagt: He's a lover, not a fighter. Ich wollte Letzteren. Junge Leute werden in Filmen oft mit Drogen und Saufen gezeigt. Ich kenne das aus dem Umfeld meiner Kinder gar nicht. Die sind alle relativ vernünftig, trinken Wasser oder Softdrinks. Eren hat für mich eine bestimmte Generation repräsentiert, das fand ich interessant.
Doppelpunkt: Wie entstand die lange Schlussaufnahme mit Mariam Dawoud?
Akin: Das ist mir in dem Moment eingefallen, als wir es gedreht haben. Ich habe mit den Jahren gelernt, sicherheitshalber mehrere Schlüsse zu drehen, weil man beim Schnitt nie genau weiß, was man braucht. Monate später nachzudrehen, ist immer schwierig. Wir haben dieses Close-up gedreht und ich habe einfach nicht Cut gerufen. Ich habe die Kamera weiterlaufen lassen. Da war plötzlich so eine kollektive Konzentration. Und ich dachte in diesem Moment: Vielleicht ist das mal ein Schluss.
Doppelpunkt: Bei den „Perfect Days“ von Wim Wenders gibt es ein ähnliches Finale...
Akin: An Wenders habe ich in dem Moment gar nicht so sehr gedacht, obwohl jetzt viele den Film auch mit „Der Himmel über Berlin“ vergleichen. Mir schwebte bei dieser Großaufnahme mehr „Die Passion der Jungfrau von Orléans“ von Carl Theodor Dreyer vor.
Doppelpunkt: Einmal mehr taucht in Ihren Filmen das Thema Suizid auf. Woher kommt das?
Akin: Warum das so ist, weiß ich nicht genau. Ich selbst habe diese Tendenzen nicht. Aber vielleicht hätte ich sie, wenn ich nicht die Möglichkeit hätte, Filme zu machen. Ich bin ein glücklicher Mensch, weil ich das machen kann, was ich mache. Das gibt mir vielleicht die Möglichkeit, solche dunklen Gedanken zu verarbeiten.
Doppelpunkt: Welche kulturellen Erfahrungen haben Ihren Blick auf dieses Thema geprägt?
Akin: Ich habe meine ersten Kurzfilme gemacht, kurz nachdem ich mein Abitur über „Die Leiden des jungen Werther“ geschrieben hatte. Da geht es um einen jungen Menschen, der sich so unglücklich verliebt, dass er sich das Leben nimmt. Ungefähr in dem Jahr, in dem ich Abitur gemacht habe, hat Kurt Cobain sich umgebracht. Werther war wichtig für mich und Cobain war wichtig für meine Generation.
Doppelpunkt: Welche Haltung wollten Sie dem dunklen Thema des Films entgegensetzen?
Akin: „Geister“ hat eine lebensbejahende Idee, wenn man überhaupt von einer Message sprechen will. Ich will jetzt nicht spoilern, aber die Momente am Ende waren sehr wichtig für mich. Das sind die Sachen, an die ich glaube. Ich bin ein lebensbejahender Typ und würde das gerne teilen. Auch an den dunkelsten, wolkenverhangensten Tagen sollte man wissen, dass dahinter die Sonne scheint.
Doppelpunkt: Wie entstand die Idee, aus dem Film auch eine Graphic Novel zu machen?
Akin: Die ersten Storyboards sind sehr früh entstanden. Das Drehbuch ist ja zehn Jahre alt und hat in dieser Zeit viele Phasen durchlaufen. In einer frühen Phase konnten die Geister durch Wände, Stockwerke und Personen hindurchgehen oder in fahrende Autos hinein. Ich dachte: Okay, wie erzählen wir das? Also habe ich das gemeinsam mit dem Storyboarder Raymond Boy gezeichnet. Der kommt aus der Comic-Welt von Marvel und DC. Daher sahen unsere Boards wie Graphic Novels aus.
Doppelpunkt: Braucht man bei so einer Lovestory eine Kitschpolizei, um die Wahrhaftigkeit zu bewahren?
Akin: Das Problem ist immer: Wer oder was ist die Kitschpolizei? Es gab eine Zeit, da habe ich Kritiken gelesen und mich darüber gefreut oder geärgert. Später habe ich gar nichts gelesen. Und jetzt lese ich sie wieder. Jede Kritik ist richtig, weil sie für diese Person stimmt. Alles ist die Wahrheit, solange keine böswillige Absicht dahintersteckt oder bewusst Fake News verbreitet werden. Wer also ist dann die Kitschpolizei? Am Ende kann man nur seinem eigenen Instinkt folgen.
Doppelpunkt: Sollte man an Geister glauben?
Akin: Es tröstet.
Dieter Oßwald