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„Elfriede Jelinek sagte: ‚Du nimmst, was du brauchst.’“

veröffentlicht am 17.10.2026 | Lesezeit: ca. 9 Min. | von DP Redaktion

Ulrike Ottinger

Ulrike Ottinger, Foto © Anne Selders

Ulrike Ottinger zu ihrem Vampir-Spektakel „Die Blutgräfin“, Kinostart 29.10.

Ulrike Ottinger, 1942 in Konstanz geboren, zählt zu den eigenwilligsten Stimmen des deutschen Autorenkinos. Die Filmemacherin, Fotografin und Künstlerin wurde mit Werken wie „Madame X“, „Freak Orlando“, „Johanna d’Arc of Mongolia“ und zuletzt „Paris Calligrammes“ international bekannt. Ihr Kino verbindet Avantgarde, Theater, Literatur und bildende Kunst zu unverwechselbaren Bilderwelten. Für ihren neuen Spielfilm „Die Blutgräfin“ arbeitete Ottinger am Drehbuch mit Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zusammen, mit der sie bereits seit Jahrzehnten künstlerisch verbunden ist. Die barock-exzentrische Vampirgeschichte mit Isabelle Huppert, Birgit Minichmayr und Lars Eidinger feierte 2026 bei der Berlinale Weltpremiere. Mit der Künstlerin unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.

Doppelpunkt: Frau Ottinger, es gibt aus den 80er-Jahren einen Film mit Adriano Celentano, „Gib dem Affen Zucker“. Das könnte auch das Motto für Ihr Projekt gewesen sein: schriller, höher, weiter.
Ottinger: Ich weiß nicht, ob man einen bissigen Witz als schrill bezeichnen sollte. Der Film hat sehr viel Humor, natürlich, aber er macht auch Sinn. Und er ist irgendwie fein gestrickt. Das zeigt sich eigentlich schon durch die Paare, die im Film vorkommen. Die Blutgräfin und ihre Zofe etwa sind ein wunderbares Kontrastpaar.
Doppelpunkt: Was macht dieses Paar für Sie aus?
Ottinger: Daraus ergibt sich natürlich eine gewisse humorvolle Situation. Da ist die zunächst sehr devote und dann immer handfester und bestimmender werdende Zofe. Und auf der anderen Seite die unglaublich glamouröse Isabelle Huppert. Film muss die Dinge überhöhen, sonst sieht man sie ja nicht.
Doppelpunkt: Was interessiert Sie an dieser visuellen Überhöhung?
Ottinger: Wir arbeiten mit einem Medium, das vor allen Dingen sichtbar ist. Und das ist auch das, was mich am Film interessiert: das Sichtbare. Alles, was in den Filmen vorkommt, hat eine Bedeutung, ob es nun die Schauspieler, die Hintergründe, die Requisiten oder die Farben sind.
Doppelpunkt: Es ist nicht nur das Sichtbare, es ist auch das Hörbare. Ihre Figuren heißen Theobastus Bombastus, Nepomuk Nachbiss oder Inspektor Unglaube. Wie würden Sie selbst in dieser Aufreihung heißen?
Ottinger: Darüber müsste ich lange nachdenken. Das kann ich Ihnen so schnell nicht beantworten. Manchmal fliegen mir beim Drehbuchschreiben die Namen einfach zu. Aber mit sich selbst ist man ja immer ein bisschen gehemmter, glaube ich.
Doppelpunkt: Das Genre des Vampirfilms ist fast so alt wie das Kino selbst. Allein von Graf Dracula gibt es unzählige Varianten. Woher kommt diese Faszination?
Ottinger: Ich habe auch in vorherigen Filmen viel mit dem Genre gearbeitet. Man muss ein Genre, glaube ich, sehr ernst nehmen und sehr gut kennen, um es ein bisschen zu brechen. Das habe ich hier getan. Als ich das Drehbuch vor knapp 30 Jahren geschrieben habe, waren für mich allerdings noch andere Aspekte wichtig.
Doppelpunkt: Was interessiert Sie heute besonders am Vampirmythos?
Ottinger: Mit Blick auf unsere Gegenwart finde ich interessant, dass Vampire Wiedergänger sind und über einen sehr, sehr langen Zeitraum leben. Wir haben heute eine ganze Bewegung, auch von Wissenschaftlern und Pseudo-Wissenschaftlern unterstützt, die sich mit dem ewigen Leben beschäftigt. Es gibt Menschen, die wirklich glauben, sie könnten ewig leben. Sie glauben, sie könnten sich wie in einem Ersatzteillager alles immer wieder neu ersetzen lassen. Das ist für mich die Hybris par excellence.
Doppelpunkt: Was kommt für Sie zu dieser Vorstellung vom ewigen Leben hinzu?
Ottinger: Diese Haltung, mit der wir heute umgehen und die sehr gegenwärtig ist, war noch einmal ein Aspekt, den ich eigentlich erst in den letzten Jahren gesehen habe. Natürlich gibt es ganz andere Aspekte des Vampirs. Aber die Zeit ist ein sehr wichtiger. Und da spielt natürlich auch Wien eine große Rolle.
Doppelpunkt: Warum gerade Wien?
Ottinger: Wien ist eine alte Stadt mit einer interessanten Geschichte. Diese Geschichte ist sichtbar in den Häusern, den Fassaden und den Orten. Damit habe ich mich für den Film sehr beschäftigt. Auch mein Drehbuch ist immer sehr nah an den Orten und ihrer Geschichte. Das habe ich alles mit aufgenommen.
Doppelpunkt: Was macht den Vampir für Sie so unheimlich?
Ottinger: Es gibt viele Aspekte, die mich interessieren: der Phönix aus der Asche, der Wiedergänger und natürlich die Zeit. Wir sind dem unterworfen, dass wir sterben, dass wir vergehen. Das aufzulösen, ist, glaube ich, ein Hauptpunkt am Vampir und das, was ihn so unheimlich macht. Und natürlich können andere zu Vampiren werden. Es ist ja eine ansteckende Krankheit (lacht).
Doppelpunkt: So viele Wow-Effekte von Wien hat man seit „Der dritte Mann“ und „Before Sunrise“ kaum noch erlebt. Ihr Film ist fast ein Touristenführer durch die Stadt.
Ottinger: Es ist eine Reise durch Wien und seine Geschichte. Wenn ich nur an den Narrenturm denke, den ersten Ort für Geisteskranke. Aber auch das Otto-Wagner-Areal, wo wir gedreht haben. Diese Szene ist leider gar nicht mehr im Film. Vielleicht tue ich sie auf die DVD als Extramaterial.
Doppelpunkt: Auch das ehemalige Gipsbergwerk spielt eine wichtige Rolle. Was hat Sie an diesem Ort interessiert?
Ottinger: Da steckt die Geschichte des Bergbaus mit all seinen Problemen durch den Wassereinbruch drin. Und sie führt weiter bis zum Nationalsozialismus, als dort Hitlers Wunderwaffe von Zwangsarbeitern gebaut wurde. Überhaupt ist die erste Szene eigentlich wie in der Oper die Ouvertüre. Sie setzt den Ton des Films.
Doppelpunkt: Wie zeigt sich das in dieser Eröffnung?
Ottinger: Aus der Mythologie, über den Hades und den Fluss, kommt diese mächtige Blutgräfin, selbst wie ein Boot und eine Galionsfigur. Vom Mythos geht es unmittelbar danach in die Gegenwart, wo der Touristenführer erzählt, was das für ein Ort ist. Gleichzeitig haben wir die Entwicklung vom Gipsbergwerk bis zum heutigen Tourismus und die Stationen dazwischen.
Doppelpunkt: Im Film spielt auch das Café Hawelka eine Rolle. Haben Sie in einem Kaffeehaus wie diesem mit Elfriede Jelinek das Drehbuch geschrieben?
Ottinger: Nein, so muss man sich das nicht vorstellen. Ich hatte von Elfriede Jelinek schon drei Stücke inszeniert. Wir kennen uns seit 1977, seit „Madame X, eine absolute Herrscherin“. Damals haben wir uns kennengelernt, und später habe ich einiges von ihr inszeniert.
Doppelpunkt: Wie kam es dann zu ihrer Mitarbeit am Drehbuch?
Ottinger: Als ich das Drehbuch geschrieben habe, besuchte ich Elfriede Jelinek. Ich habe gesagt: „Schau dir doch mal die Dialoge an. Hast du noch ein paar Ideen, wie wir das ein bisschen spitzer machen, ein bisschen schärfen können?“ Sie hat mir einige Textvorschläge gemacht und in ihrer wirklich wunderbaren Großzügigkeit gesagt: „Ulrike, du nimmst, was du brauchen kannst.“
Doppelpunkt: Wie muss man sich ihre Beiträge vorstellen?
Ottinger: Von ihr ist zum Beispiel dieser wunderbare Dialog des Kriminaloberinspektors Unglaube mit dem Kellner.
Doppelpunkt: Gab es auch Stellen, an denen sich Ihre Texte miteinander verbunden haben?
Ottinger: Ja natürlich ständig, zum Beispiel habe ich bei den Ahnen geschrieben: „Wir müssen kühles Blut bewahren.“ Sie hat dann ergänzt: „Wo immer wir einen Kühlschrank finden.“ Das sind diese typischen, perfekt gesetzten Pointen, die großartig sind. Das ganze Drehbuch ist natürlich anders entstanden, aber diese Schärfung mancher Dialoge kommt von Jelinek.
Doppelpunkt: Wie konnten Sie Lars Eidinger für eine vergleichsweise kleine Rolle gewinnen?
Ottinger: Alle Schauspieler sind interessiert an außergewöhnlichen Projekten mitzuarbeiten. Damit will ich nicht sagen, dass Lars Eidinger nicht ohnehin in vielen besonderen Filmen mitgespielt hat. Auch im Theater ist es das Besondere, was ihn interessiert.
Doppelpunkt: Was hat Sie stattdessen an seiner Figur interessiert?
Ottinger: Er spielt im Film die einzige, in Anführungszeichen, normale Rolle, ist aber eigentlich der Verrückteste von allen. Ich würde fast sagen, er ist eine Art Joker im Film. Wir haben uns darüber unterhalten, und er fand das auch sehr interessant. Er spielt einen Therapeuten, der selber viele Tics hat und hat mich manchmal mit einer Idee dazu überrascht.
Doppelpunkt: Wie sind Sie mit seinen Ideen umgegangen?
Ottinger: Manche fand ich ganz toll und manche nicht. Aber das ist ja das Schöne an der Zusammenarbeit, dass man Sachen einfach mal ausprobieren kann. Dieses spielerische Element hat er sehr stark. Das habe ich sehr geschätzt.
Doppelpunkt: Was erwartet die Kinogänger bei Ihrem Film?
Ottinger: Sie werden zwei Stunden anspruchsvolle und sehr humorvolle Unterhaltung erleben, die trotzdem in die Tiefe geht. In eine gewisse historische Tiefe, aber auch inhaltlich. Und natürlich ist der Film eine große visuelle Freude. Jedes Bild ist wirklich gestaltet, in den Farben, den Objekten, den Hintergründen und natürlich durch die Schauspieler.

Dieter Oßwald

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