Kinostart: 27.8.; Regie: Annekatrin Hendel
Was haben Thomas Mann, Billy Wilder, Albert Einstein und Sigmund Freud gemeinsam? Sie alle waren Fans der Insel Hiddensee. Stummfilm-Diva Asta Nielsen und Nobelpreisträger Gerhard Hauptmann bezogen hier ihre ansehnlichen Anwesen. Der beliebte Sehnsuchtsort in der Ostsee ist nur gut 17 Kilometer lang, seine Silhouette erinnert an Manhattan. Grimme-Preisträgerin Annekatrin Hendel nähert sich in locker feuilletonistischem Stil ihrem Objekt der dokumentarischen Begierde. Inszeniert wird selbstverständlich in kontrastreichen Schwarzweiß-Bildern, schließlich hieß es bei Nina Hagens Hiddensee-Hymne schon damals: „Du hast den Farbfilm vergessen!“. Wie in einem Kaleidoskop verbinden sich Geschichten, Geschichte und Schicksale bei dieser teilnehmenden Beobachtung, das Spektrum reicht von harmlos anekdotisch bis durchaus kritisch. Uferlose Ereignislosigkeit sei der größte Zauber der Insel, wird der Entschleunigungsfaktor gefeiert.
Die Tochter des DDR-Propagandisten Karl-Eduard von Schnitzler, dem Macher von „Der Schwarze Kanal“, erzählt aus guten alten Bonzenzeiten. Der aktuelle Bürgermeisterkandidat, eine Museumsbetreuerin oder eine 100-Jährige, die einstige Briefträgerin, präsentieren Insulaner-Insiderwissen. Schattenseiten der Eiland-Idylle bleiben nicht unerwähnt. „Judenfrei!“ etwa hieß es hier schon anno 1922 im Badeprospekt. Heutige Grundstückspreise haben längst astronomische Höhen erreicht. Immerhin gibt es für die knapp 1.000 Einwohner seit Kurzem ein eigenes Kino. Eine mobile LED-Leinwand für stolze 65.000 Euro, die Filmförderung vom Festland macht’s möglich. So entspannt es an der Ostseeküste zugeht, so gelassen präsentiert sich diese Doku. Beliebigkeit statt roter Faden, unnützes Wissen statt strukturierte Fakten verleihen dem hübschen Bilderbogen das Prädikat „ganz nett“. Das örtliche Tourismus-Büro wird begeistert sein von diesen werbewirksamen Hochglanzbildern. Wer Lust bekommen hat auf das autofreie Inselparadies sollte massentauglich sein: Eine Viertelmillion Tagesgäste pro Jahr haben die gleiche Idee wie Thomas Mann, Billy Wilder und Albert Einstein!
Dieter Oßwald