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„Ich bin ein großer Fan von Märchen.“

veröffentlicht am 18.08.2026 | Lesezeit: ca. 8 Min. | von DP Redaktion

Kai Stänicke

Kai Stänicke, Foto © www.kaistaenicke.com

Berlinale-Gewinner Kai Stänicke zu „Der Heimatlose”, Kinostart 27.8.

Mit dem Kinodebüt gleich eine Einladung auf die Berlinale bekommen und den Gay Teddy Award gewonnen: Kein schlechter Coup für Jungfilmer Kai Stänicke. Nach seinem Filmstudium und einer Ausbildung bei X Filme Creative Pool arbeitete er als Regieassistent, bevor er eigene Projekte realisierte. Seine Kurzfilme wurden von Saatchi & Saatchi, Berlinale Talents und Nespresso Talents ausgezeichnet. Sein Spielfilmdebüt Der Heimatlose entwickelte er im Rahmen der Berlinale Talents Script Station. Dabei wurde er zusätzlich durch das Wolfgang-Kohlhaase-Stipendium unterstützt. Erzählt wird von einem jungen Mann, der auf die Insel seiner Kindheit zurückkehrt. Doch dort scheint ihn niemand zu kennen, weder die Mutter noch der Jugendfreund. Mit dem Regisseur unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.

Doppelpunkt: Herr Stänicke, nachträglichen Glückwunsch zum Gay Teddy der Berlinale. Wie wichtig ist solch ein Preis für Sie?
Stänicke: Der Teddy ist sehr wichtig für mich und eine wunderbare Auszeichnung. Ich lebe seit 17 Jahren in Berlin und bin Stammgast auf der Berlinale. Den eigenen Film dort im Programm als Weltpremiere zu haben, war schon super aufregend. Als ganz besonderer Abschluss kam dann noch der Teddy dazu.

Doppelpunkt: Ihr Film wirkt ein bisschen wie ein Märchen. War das von Anfang an die Absicht?
Stänicke: Ich wollte es immer zeitlos und klassisch erzählen. Zudem bin ich ein großer Fan von Märchen und parabelhaften Geschichten, wie man an der Struktur des Films erkennt. Unser Held muss drei Prüfungen bestehen, an drei Prozesstagen. Der Schauplatz befindet sich auf einer Insel mitten im Nirgendwo, was natürlich auch etwas Märchenhaftes hat.

Doppelpunkt: Wie märchenhaft finden Sie die Vergleiche mit „Dogville“ von Lars von Trier, der seine Kulissen gleichfalls nur ausgemalt hat?
Stänicke: Den Vergleich mit Lars von Trier empfinde ich als großes Kompliment, „Dogville“ war durchaus eine Inspiration. Wir wollten diese theaterhafte Bühne mit der Landschaft der Insel verschmelzen. Gemeinsam mit dem Szenenbildner Seth Turner habe ich überlegt, was wir von den Häusern wirklich benötigen, um alles so zu erzählen, wie ich es mir vorstelle. Welche Wände brauchen wir und welche fallen weg? Das Dorfgericht war immer als eine Art Amphitheater geplant, in dem dieser Prozess wie ein Theaterstück abläuft und wie ein großes Happening für die Bewohner ist. In diesem Dorf gibt es keine Rückzugsräume, alles ist offen für Bewertungen der anderen.

Doppelpunkt: Was bedeutet Heimat für Sie?
Stänicke: Heimat ist der Ort, an dem man man selbst sein kann, an dem man sich zugehörig fühlt. Der Film deutet in eine Richtung, dass Heimat kein Ort sein kann, an dem man sich verstellen muss und wo man nicht man selbst sein kann. Es gibt bekanntlich kein richtiges Leben im Falschen. Für Hein beginnt mit der Rückkehr eine Reise, bei der er sehr viel über sich selbst lernen muss. Und es dauert ein bisschen, bis ihm das schließlich gelingt. Bis er Dinge sieht, die er vielleicht nicht sehen will. Und bis er erkennt, dass das eigentlich gar nicht das Leben ist, das er führen möchte und das er in sich trägt. Das ist die Erkenntnis, die er am Schluss haben muss.

Doppelpunkt: Gab es eine Variante, bei der das Geheimnis gar nicht gelüftet wird? Dass alles dem Zuschauer überlassen bleibt?
Stänicke: Nein, der queere Kern der Geschichte war immer klar. Warum wird Hein nicht erkannt? Warum erinnern sich die Dorfbewohner so anders an ihn? Die Beziehung zu Friedemann war für mich immer nur ein Weg dahin, ein Motor, um zu dieser queeren Erfahrung zu kommen.

Doppelpunkt: Wie autobiografisch ist diese Geschichte?
Stänicke: Die Geschichte geht zurück auf meine persönliche Erfahrung. Ich bin aufgewachsen in einem kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen in den 1990er Jahren und hatte dort oft das Gefühl, dass ich nicht ich selbst sein kann und dass ich Teile von mir erst akzeptieren konnte, als ich in größere Städte gezogen bin. Wann immer ich dann in diesen Ort zurückgekommen bin, hatte ich das Gefühl, das ist ein anderes Leben, das ich dort geführt habe: ein Leben, das sich nie ganz wie mein eigenes angefühlt hat und zu dem ich niemals wirklich zurückkehren könnte. Und aus diesem Gefühl ist die Geschichte entstanden.

Doppelpunkt: Gibt es den Friedemann aus dem Film auch in der Wirklichkeit?
Stänicke: Den Friedemann hat es in der Wirklichkeit nicht gegeben - zumindest nicht in einer Person. (Lacht)

Doppelpunkt: Wie haben Sie Ihre Darsteller gefunden?
Stänicke: Beim Casting hat Philip Froissant die Szene der Vernehmung im Gericht gespielt, und da war schnell klar: Das ist Friedemann. Er hat die Figur sofort verkörpert und zum ersten Mal habe ich bei ihm erlebt, was möglich ist mit dieser historischen Sprache. Für den passenden Hein sind wir bei Paul Boche fündig geworden. Man hat sofort gespürt, wie großartig die Chemie zwischen diesen beiden funktioniert. Die Bärte der Männer im Film sind übrigens alle echt, auch Philip, der vor unserem Dreh noch ein anderes Projekt hatte, hat sich über Wochen und Monate diesen Bart wachsen lassen und ich finde, das steht ihm sehr gut.

Doppelpunkt: Wie lief die Arbeit mit den Schauspielern ab?
Stänicke: Wir haben uns eine Woche lang mit den Hauptdarstellern zurückgezogen in ein kleines Häuschen am See. Dabei ging es nicht darum, die Szenen zu proben, sondern sich zu verbinden. Wir haben sehr intensiv über alles gesprochen, über die verschiedenen Ebenen des Buchs und die Symbolik in vielen Dingen. Diese starke Verbindung hat die Arbeit am Set dann viel einfacher gemacht. Paul Boche ist ein Schauspieler, der sehr tief einsteigt und bei jedem Satz im Buch wissen wollte, was er bedeutet und was ich dazu denke. Und er ist mit seiner eigenen Erfahrung in diese Rolle hineingegangen.

Doppelpunkt: Es gibt diese Diskussion, wonach queere Rollen nur von queeren Personen gespielt werden sollten. Ist das noch aktuell oder Schnee von gestern für Sie?
Stänicke: Ich sehe das ein bisschen von zwei Seiten. Ich bin nicht jemand, der sich auf eine queere Geschichte draufsetzt und etwas erzählt, was nicht mit einem selbst zu tun hat. Ich erzähle in diesem Film meine ganz persönlich Geschichte und möchte mich nicht in der Art limitieren, wie ich das tue. Wir hatten ein offenes Casting, wir haben alle Menschen unabhängig von der Sexualität eingeladen. Und dann hat derjenige die Rolle bekommen, der das am besten verkörpern konnte, was ich in der Figur sehe. Es ist auch gar nicht mein Recht zu fragen, wer wen liebt. Das überschreitet eine Grenze, das steht mir gar nicht zu. Zumal sich das ja auch alles ändern kann.

Doppelpunkt: Wie schwierig ist es, für solch einen rigorosen Stoff Geld von der Filmförderung zu bekommen?
Stänicke: Das war sehr schwierig. Und es hat ewig gedauert. Ich hatte die erste Idee zu dem Film vor zehn Jahren. Uns haben sehr viele Förderungen abgesagt. Das ist immer fast wie ein Todesstoß für das Projekt. Können wir das überhaupt machen? Gibt es noch eine Möglichkeit, diesen Film zu finanzieren? Schließlich haben meine großartigen Produzenten aus Hamburg, Tamtam Film, einen Weg gefunden. Aber nur mit Ach und Krach und nur mit einem unterfinanzierten Budget konnten wir den Film umsetzen.

Doppelpunkt: Hat der Teddy international etwas gebracht?
Stänicke: Auf jeden Fall hat die Berlinale für große Aufmerksamkeit gesorgt. „Der Heimatlose“ reist jetzt um die Welt und besucht viele Festivals. Ich komme gerade aus San Francisco, wo wir ebenfalls einen Preis bekommen haben. Und dann stehen Einladungen nach Irland und nach Neuseeland auf dem Programm.

Doppelpunkt: Was ist der Ratschlag für Kinogänger?
Stänicke: Anschauen. Es ist ein Film, den man sich auch öfter angucken kann und den man auf jeden Fall auf der großen Leinwand sehen sollte. Für ein Date ist „Der Heimatlose“ natürlich auch ganz hervorragend geeignet.

Dieter Oßwald

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