Kinostart: 24.9.; Regie: Visar Morina
Darsteller: Astrit Kabashi Flonja Kodheli, Kumrije Hoxha, Fiona Gllavica
Er ist Stammgast auf den renommierten Festivals dieser Welt. Für sein jüngstes Drama bekam der deutsch-kosovarische Regisseur Visar Morina in Sundance den Großen Preis der Jury. Erzählt wird vom aufrechten Gang eines rechtschaffenen Bauern, der unverdrossen gegen die Windmühlen der Ungerechtigkeit ankämpft. Unverschuldet verliert er Hof und Einkommen. Als Tagelöhner muss sich der Familienvater in der Großstadt durchschlagen. Packend wie ein Thriller inszeniert und überwältigend gespielt präsentiert sich ein Lehrstück mit den Klassiker-Qualitäten eines Bertolt Brecht. Zwei Oscar-Nominierungen hat das Regie-Talent bereits auf dem Buckel. Ein dritter Streich wäre absolut verdient! „Scham ist Luxus!“, heißt es in einem Dialog, damit ist das Thema vorgegeben. Immer wieder findet sich der wackere Held als Opfer von himmelschreienden Ungerechtigkeiten wieder. Wie Don Quichotte kämpft Shaban gegen die Windmühlen der Widrigkeiten. Wenn er sonst schon alles verloren hat, will er wenigstens seine Würde bewahren. Doch wie viel Schmach vermag ein Mensch zu ertragen?
Geradlinig und schnörkellos erzählt Visar Morina sein rigoroses Lehrstück über das Fressen und die Moral. Die Kamera bleibt dicht an den Figuren, die sich durch enorme Glaubwürdigkeit und großes Empathiepotenzial auszeichnen. Statt auf moralinsaure Belehrung setzt der Regisseur auf eine spannungsreiche, fast thrillerhafte Dramaturgie, bei der sogar Raum für Komik bleibt. „Ich beschütze das Viertel vor Leuten wie uns“, erklärt er seiner Frau den neuen Job als Security-Wache im Bonzenviertel. Wie zum Hohn kreist die Kamera um ein übergroßes Bill-Clinton-Denkmal in der Stadt, das als neoliberaler Heilsbringer des Kapitalismus offenkundig den vollmundigen Versprechungen nicht gerecht wurde. Als großer Pluspunkt erweist sich Hauptdarsteller Astrit Kabashi. Mit maximalem Minimalismus gelingt ihm die Balance zwischen Würde und Verzweiflung. Angenehm unaufdringlich und ohne Sentimentalität lädt er das Publikum zur Empathie - und zur eigenen Stellungnahme ein. Kino mit Mehrwert, das noch lange nachklingt.
Dieter Oßwald