Kinostart: 10.9.; Regie: Léa Pool
Darsteller: Aron Archer, Mehdi Meskar
Ambitioniertes Drama um einen schwulen Flüchtling in Kanada, dem die Abschiebung in den Iran droht. Sein verzweifelter Lover setzt alles auf eine Karte, um das zu verhindern. Er bändelt clever mit dem weitaus älteren Assistenten der Ministerin an. Nicht lineares Erzählen ist eigentlich längst dramaturgischer Schnee von gestern. Hier funktionieren die Zeitsprünge und Rückblenden freilich perfekt und verspielt. Ein bisschen weniger plakative Botschafterei und Pathos wäre allemal mehr gewesen. Dafür überzeugen die Figuren durch hohes Empathiepotenzial sowie die Schauspieler durch große Glaubhaftigkeit. Ort und Zeit werden hier rasant gewechselt, erst allmählich setzen sich die erzählerischen Puzzlestücke zu einem Gesamtbild zusammen. Da gibt es die Asylanten, die im Containerversteck von der Polizei aufgegriffen werden. Den verzweifelten Flüchtling, der sich die Fingerkuppen verbrennt, um seine Identität zu verschleiern. Den ersten öffentlichen Kuss in der kanadischen Freiheit. Die Fremdenfreundlichkeit einer Imbisswagen-Verkäuferin. Oder jenes bürokratische Verhör, bei dem Reza öffentlich seine sexuelle Orientierung beweisen soll. Erdacht wurde die raffiniert verschachtelte Geschichte von dem kanadischen Dramatiker Michel Marc Bouchard, dessen Theaterstücke schon als Vorlagen für Xavier Dolans „Sag nicht, wer du bist“ oder John Greysons „Lilies: Theater der Leidenschaft“ dienten. Die schweizerisch-kanadische Filmemacherin Léa Pool hält souverän die dramaturgischen Fäden in der Hand, jongliert pfiffig mit den verschiedenen Zeiten und Schauplätzen und sorgt für emotionale Komplexität der glaubhaften Art. Über die vorgetäuschte Liebe des berechnenden jungen Lovers überlässt sie das Urteil dem Publikum ebenso wie über dessen Entschuldigung bei seinem tief verletzten Verehrer. In der Liebe und im Krieg soll schließlich alles erlaubt sein.
Dieter Oßwald