„Die Texte von Bachmann zum Leuchten bringen“
veröffentlicht am 14.06.2026 | Lesezeit: ca. 8 Min. | von
Interview mit Regina Schilling zu „Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal ich war“, Kinostart: 25.6.
Regina Schilling studierte Literaturwissenschaft und Pädagogik, war in einem Buchverlag tätig bevor sie freiberuflich als Dokumentarfilme- und Programmmacherin bei Lit.Cologne arbeitete. Für ihre kluge Showmaster-Doku „Kulenkampffs Schuhe“ bekam die Regisseurin beste Kritiken sowie den Grimme- und den Deutschen Fernsehpreis. Zu den weiteren Arbeiten gehören die Schauspielerporträts „Bierbichler“ und „Titos Brille“ sowie „Diese Sendung ist kein Spiel – Die unheimliche Welt des Eduard Zimmermann“. Nun präsentiert sie mit Sandra Hüller die hybride Doku „Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal ich war“ als Biopic-Ständchen zum 100. Geburtstag der Ausnahme-Autorin. Mit der Regisseurin unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.
Doppelpunkt: Frau Schilling, es gab in der Titanic ein Porträt über Sandra Hüller mit der Überschrift „Die hölzerne Frau“. Was würden Sie für eine Überschrift wählen?
Schilling: Sandra Hüller besitzt so viele Talente. Ich würde sagen: die fühlende und die denkende Frau zugleich. Wobei sie hier ja keine Rolle im klassischen Sinn spielt. Es war nie das Bestreben von Sandra Hüller, zu einer Ingeborg Bachmann zu werden. Die Absicht war vielmehr, dieser Autorin zuzuhören, sich ihr anzunähern. Irgendwann entsteht dann hoffentlich eine Sogwirkung im Film, da ähnelt die Schauspielerin der Schriftstellerin. Aber sie zeigt zum Beispiel nie deren Verzweiflung.
Doppelpunkt: Dieses Zuhören ist beim Drehen tatsächlich passiert: Die Schauspielerin hat einen Knopf im Ohr.
Schilling: Von Sandra Hüller kam die Idee, die von ihr eingesprochenen Texte von Bachmann, die jetzt auch die Zuschauer hören, während des Drehs über einen Knopf im Ohr zu hören. So war es im Rahmen der einzelnen Szenen Hüller überlassen, wie sie darauf reagiert. Ich habe ihr größtmögliche Freiheit gelassen und sie nicht inszeniert.
Doppelpunkt: Es fällt auf, dass Sie die dramaturgischen Karten gleich zu Beginn auf den Tisch legen. Sie zeigen, wie es zu der Zusammenarbeit kam. Sie zeigen Frau Hüller in der Maske und auch eine Regieanweisung, dass sie einen Monolog nochmals anders sprechen soll. Wie wichtig ist diese Transparenz?
Schilling: Anders als im Spielfilm ist eine solche Transparenz im Dokumentarfilm gar nicht so ungewöhnlich. Es passiert öfter, dass man ein bisschen mitnimmt, was links und rechts geschieht. Für mich war immer wichtig, dass unser Projekt im Kern ein Dokumentarfilm ist. Durch die Spielszenen kann man ihn sicher einen Hybrid nennen. Aber es gibt kein Skript, alle Texte stammen von Ingeborg Bachmann.
Doppelpunkt: Eine klassische Genre-Falle besteht darin, dass Bio-Pics zu Heiligenbildchen werden oder zum langweiligen Wikipedia-Eintrag auf der Leinwand. Wie verhindert man das am besten?
Schilling: Ingeborg Bachmann war wirklich so komplex und widersprüchlich, dass ich gar nicht anders konnte, als das auch im Film zu zeigen. Ich wollte kein klassisches Reenactment und keinen historischen Film machen, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass man das nicht kann. Oder vielleicht: dass ich es nicht kann. Mir missfällt es zum Beispiel bei biographischen Sachbüchern, wenn vorgegeben wird, man wüsste, wie eine Person gewesen ist. Thomas Mann stand auf und fühlte sich schlecht. Das gibt es ja in Biografien. Er hatte nicht gut geschlafen und sollte jetzt auch noch seinen Hund ausführen. Da denke ich nur: Woher weißt du das?
Doppelpunkt: Muss man sich Frau Bachmann als glücklichen Menschen vorstellen?
Schilling: Vermutlich nicht, aber sicherlich als partiell glücklich. Ihr Leben war von einem Trauma geprägt, das bereits mit dem Kriegstrauma begann. Was sonst alles passiert ist, wissen wir nicht genau, aber aus den Texten lässt sich schließen, dass Angst und Panikattacken ein großes Thema für sie gewesen sind und dass sie schwer damit zu kämpfen hatte. Daraus resultierte schließlich auch ihre Sucht.
Doppelpunkt: Es ist der 100. Geburtstag. Wie schätzen Sie die Aktualität von Ingeborg Bachmann ein?
Schilling: Mich hat wirklich überrascht, wie aktuell die Themen heute sind, teilweise aktueller als damals. Angefangen beim Stichwort Femizid, weibliche Todesarten durchzuexerzieren und Zeitungsartikel zu sammeln. Was ich im Film zeige, sind Artikel, die sie tatsächlich gesammelt hat. Da gab es etwa den Fall eines Marchese in Italien, der seine Frau und ihren Liebhaber umbringt. Daraus machte sie eine Erzählung, die erst nach ihrem Tod erschien. Das hat mich umgehauen. Auch das ganze Thema Sprache und Identität, Sprache als „Mordversuch an der Wirklichkeit“, passt unmittelbar in unseren heutigen Diskurs. Das wird heute besser verstanden als damals.
Doppelpunkt: Gehört zur Aktualität auch der Satz: „Bin ich nicht ganz eine Frau? Was bin ich überhaupt? Ich bin ein Irrtum.“
Schilling: Das berührt eine heutige Thematik rund um Geschlechter, binär und non binär. Auch das wollte ich offenhalten. Hat sich Bachmann so gefühlt, weil sie einen so starken Intellekt hatte, der früher vermeintlich eher Männern zugeschrieben wurde? Kommt die Verunsicherung daher, dass sie nicht weiblich genug ist? Oder daher, dass sie sich vielleicht im falschen Körper geboren fühlte? Das weiß ich alles nicht. Ich wollte es lediglich so stehen lassen und darüber spekulieren.
Doppelpunkt: Sie zeigen als Archivausschnitt eine TV-Sendung, in der Walter Jens mit Zeigestock erklärt, wie man Gedichte verstehen soll. Was hat es mit diesem Medien-Schmankerl der Zeitgeschichte auf sich?
Schilling: Einerseits kann man sagen: Mein Gott, wie toll, was das Fernsehen damals noch gemacht hat. Eine eigene Sendung namens „Handwerk des Lesens“. Beim zweiten Anschauen habe ich allerdings gedacht, dass ich wirklich nichts von dem verstehe, was er da erzählt. Ich dachte: Es ist eigentlich unfassbar, wie abgehoben und unverständlich diese Gedichterklärung ist. Deshalb habe ich das in Zusammenhang mit diesem Textausschnitt von Bachmann gesetzt, in dem es um Männer geht, die uns die Welt erklären.
Doppelpunkt: Dazu passt der Ausschnitt des „Kritikerpapstes“ Marcel Reich Ranitzky, der behauptet, Frauen könnten weder schreiben noch komponieren und hätten in der Kunst sowieso nichts verloren.
Schilling: Da war er längst nicht der Einzige. Ich habe auch andere Kritiken zusammengestellt. Über den Erzählungsband hieß es in einer Rezension, „Ein Schritt nach Gomorrha“ habe den „Geruch des Klimakteriums“.
Doppelpunkt: War es nie eine Überlegung, einen Spielfilm über Ingeborg Bachmann zu machen?
Schilling: Nein, einen Spielfilm würde ich mir nicht zutrauen, dafür fehlt mir das Handwerk. Eher habe ich darüber nachgedacht, einen reinen Archivmaterialfilm über Ingeborg Bachmann zu machen. Es gibt in diesem Bereich starke Filme, etwa „Elfriede Jelinek: Die Sprache von der Leine lassen“. Wobei es über sie deutlich mehr Material gibt. Bei uns war die Archivlage eine andere. Deshalb war meine Absicht, in der Kollaboration mit Sandra Hüller die Texte von Bachmann zum Leuchten und Funkeln zu bringen.
Doppelpunkt: Der Ingeborg Bachmann Preis gilt als einer der wichtigsten Literaturpreise im deutschsprachigen Raum. Sehen Sie eine Nachfolgerin für jemanden wie sie?
Schilling: Ich sehe viele Nachfolgerinnen. Namen möchte ich jetzt gar nicht nennen. Wir haben fantastische zeitgenössische Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Zugleich ist es schön, dass es den Bachmann Preis gibt, also ein Preis in Klagenfurt, ihrer Heimatstadt. Ein lebendigeres Denkmal oder eine lebendigere Würdigung kann man sich kaum vorstellen. Ich wünsche mir, dass der Preis erhalten bleibt, auch wenn das immer wieder infrage gestellt wird.
Doppelpunkt: Stellen Sie sich vor, hier durch die Tür kommt Frau Bachmann jetzt herein. Was würden Sie sie fragen?
Schilling: Was würde ich sie fragen? Sind Sie mit unserem Film einverstanden? Habe ich Ihre Texte genügend zum Leuchten gebracht?
Dieter Oßwald