Kinostart: 9.7., Regie: Leyla Bouzid
Darsteller: Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau u.a.
Lilia (Eya Bouteraa) lebt in Paris zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Alice (Marion Barbeau) selbstbestimmt. Der Tod ihres Onkels Daly (Karim Rmadi) führt sie zurück in ihre Heimat: in die tunesische Hafenstadt Sousse, zum betörenden Haus ihrer Großmutter Néfissa (Salma Baccar), eine Art idyllische Festung und Mittelpunkt der Großfamilie. Alice begleitet Lilia, wohnt aber in einem Hotel, denn die Familie weiß nichts von Lilias Beziehung. Homosexualität ist in Tunesien nach wie vor verboten, doch noch schwerer wiegt die Tradition innerhalb der Familie und der Gesellschaft. Besonders die Großmutter ist den alten Sitten verpflichtet, Lilias Mutter Wahida (Hiam Abbass), eine Ärztin, scheint da etwas aufgeschlossener zu sein. Nun ist Daly unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen, er wurde nackt aufgefunden. Es stellt sich bald heraus, dass Lilias Onkel ein Doppelleben geführt hat, mit Zwangsheirat und gleichzeitiger Beziehung zu einem Mann. Während im Haus die umfangreichen Trauerriten über die Bühne gehen, beginnt Lilia zu recherchieren, wie es zum Tod Dalys kommen konnte. Sie lernt dessen früheren Lebensgefährten und einen jüngeren Lover kennen, beide in ständiger Angst vor Justiz und Polizei lebend. Kann Dalys Schicksal Lilia letztlich dazu bewegen, sich gegenüber der Familie zu outen? Denn auch für Alice ist die Situation nicht einfach, eines Tages taucht sie unangemeldet im Haus der Großmutter auf.
Autorin und Regisseurin Leyla Bouzid verbindet in ihrem intensiven Drama die Selbstfindung einer Frau geschickt mit leisen Thrillerelementen. Dabei erkundet die sorgfältig agierende Kamera Sébastien Goepferts das Haus der Großmutter, hält mitunter sorgsamen Abstand zum Geschehen. Und immer wieder erzeugt die Umgebung bei Lilia Flashbacks in eine offenbar glückliche Kindheit, auch Dalys Vergangenheit blitzt immer wieder auf. Hauptdarstellerin Eya Bouteraa umweht neben dem Zwiespalt zwischen einem Leben voller Geheimnisse und dem Selbstbewusstsein einer modernen, westlich orientierten Frau immer auch ein Hauch von Melancholie. Man wünscht ihr von Herzen den Mut zum freien Leben. Und die wunderbare palästinensische Schauspielerin Hiam Abbass glänzt einmal mehr durch ihre schiere Präsenz.
Martin Schwarz