Erinnert sich hier noch jemand an die Electric Dog-Party mit Matias Aguayo in der desi? Ich hatte ihn zuvor mit Closer Musik, ein Projekt zusammen mit Dirk Leyers, deren tolles und einziges Album „After Love“ 2002 bei Kompakt/Köln erschienen ist, beim Sonar in Barcelona gesehen. Groß0artiger Abend - beide! Der Chilene, der bei Köln mit Liquid Sky und Studio 672 aufgewachsen ist, gründete dann sein in Berlin ansässiges Label Cómeme, das klasse Platten an der Schnittstelle von minimalem Techno, schrägen Lo-Fi Beats und südamerikanischen Grooves, oft auch mit Vocals, veröffentlicht hat. Nun erscheint mit „Anenoa“ [platoon/serendeepity] ein neues Album, songorientiert und doch gut tanzbar, organische, zuweilen schräge Sounds, oft spanische Vocals, viele Gäste. Mittlerweile in Mexiko beheimatet, hat Aguayos Musik die pulsierende Energie einer gemeinschaftsorientierten Dance-Kultur in sich aufgenommen. Im Kern ist „Anenoa“ ein zutiefst kollaboratives Projekt, das Aguayos langjährige Überzeugung widerspiegelt: dass Dance Music erst durch Austausch und geteilte Kreativität wirklich aufblüht. Die chilenische Pop-Visionärin Javiera Mena steht ihm auf dem Titel „¿No Ves?“ zur Seite. Darüber hinaus finden sich noch zahlreiche weitere Kollaborationen auf den 11 Songs.
Viele der Clubmusik wird tendenziell schneller - ich erlaube mir hier, langsamer zu werden. Entschleunigung ist zwar auch ein Trend, aber auch nicht verkehrt und findet sich auf „Spatial, No Problem“ von Mouse On Mars & Lee „Scratch“ Perry [domino], den letzten Aufnahmen in Berlin 2019 vor seinem Tod. Perry ließ sich in die Klanglandschaft seiner „deutschen Professoren“ und deren Mischung aus motorischen rhythmischen Elementen mit freier Improvisation, digitalen Glitches, Dada-Poesie und dem dubbigen „Voodoo“ ein. Jan St. Werner von MoM, der auch Dozent an der hiesigen Kunstakademie war, spricht über den instinktiven Aufnahmeprozess: „Wir haben kaum darüber gesprochen, was wir taten. Wir trafen uns und legten los. Er lachte viel und wir lachten mit. Wir kochten auch und aßen Fischsuppe und Papayas“. „Spatial, No Problem“ ist die Geschichte dessen, was Lee „Scratch“ Perry bei seiner Begegnung mit Mouse on Mars in Berlin hinterlassen hat. Es ist eine Geschichte von sich vermischenden Räumen und Kulturen, die sich zu einer anderen Art von Zukunft wandeln.
Bleiben wir in Berlin, denn da lebt auch Freund, Maler und Musiker Jim Avignon aka Neoangin, der, als ich das letzte Mal in der Stadt war, gerade im Studio war, um sein neues Album „Forever Coming Of Age“ - das seine ewige Verweigerung, erwachsen zu werden, beschreibt - aufzunehmen, diesmal mit echtem Schlagzeuger. Auch wenn das hier nicht die typische Clubmusik ist, die hier besprochen wird, so steht Jim Avignon seit Anbeginn und immer noch im Clubkontext, hat bei (Techno)-Partys live gemalt, tanzte auf dem Tresen des Hemdendienstes in den Morgen, als wir dort aufgelegt haben und geht als letzter nach Hause. 12 neue Songs, die es auch auf Schallplatte direkt vom Künstler für 15€ gibt (e-mail an jimavignon@yahoo.com). „Zur Platte gibts ein gefaltetes A1 Poster im Landkartenlook, vorne die Welt, hinten Berlin. Es gibt auch Stücke über KI (amour fou), über leere Tanzflächen (empty dancefloor) und über mein aktuelles Lebensgefühl, das da heißt „ still in love with a world that destroys itself“, so Neoangin himself. Musikalisch ist das alles im Songkontext und eher im 80er inspiriertem Indie angelegt und wunderbar tanzbar, was sich bei den Liveshows auch immer wieder zeigt. Hoffentlich bald wieder in unserer Nähe!
Aus Amsterdam kommt die „Traversée 05 - what makes you dance“ Compilation. Eine Sammlung zutiefst persönlicher Interpretationen von Tanzmusik von Produzent*innen wie u.a. Soreab, der dieses Jahr mit seinem „CU“ Album auf Flores Label Polaar brillierte, Melita und Beatrice M. Puristische, 8 basslastige Produktionen mit einem gewissen industriellen Einfluss.
Und auch aus Uganda gibt es 2 Neuerscheinungen. Nkalipho Andile Mkhize alias Akiid , geboren und aufgewachsen in Durban, der Hauptstadt der südafrikanischen Clubmusik, begann früh mit der Musik und brachte sich mit nur 18 Jahren selbst das Beatmaking bei, präsentiert mit „Skeffu“ [hakuna kulala] sein erstes Album. 11 ansteckende und energiegeladene Hybrid-Sounds zwischen Gqom und Afrotech mit verzerrten Acid-Stabs, Dub-Techno-Elementen und verstörenden EDM-Rhythmen.
Auf ihrem zweiten gemeinsamen Album „Abu“ [nyege nyele tapes] erkunden der in Vilnius lebende indonesische Komponist und Instrumentenbauer Johanes „Mo’ong“ Santoso Pribadi, bekannt als eine Hälfte von Raja Kirik, und der in Berlin lebende japanische Produzent Shigeru Ishihara (alias Scotch Rolex) ihre Umgebung und erschaffen eine lebendige Fantasielandschaft voller Leben als Takkak Takkak. Habt einen prächtigen Sommer!
stefan wagner