Kinostart: 2.7.; Regie: Daniel Roher;
Darsteller: Leo Woodall, Dustin Hoffman, Havana Rose Liu u.a.
Der Junge startet gerade richtig durch. Nach einigen Serienerfolgen war der 29-jährige Brite Leo Woodall in wichtigen Nebenrollen im Sequel „Bridget Jones – Verrückt nach ihm“ sowie im Nazi-Justizdrama „Nürnberg“ zu sehen. Er spielt nun in „Piano Tuner“ seine erste Kinohauptrolle, und das mit Verve.
Leo Woodall ist Niki White, und bei dem sind die Ohren gleich in doppelter Hinsicht bemerkenswert: Zum einen verfügt er über das absolute Gehör, was ihn für seinen Job als Klavierstimmer prädestiniert. Zum anderen wurde ihm bereits als Kind eine Karriere als Klaviervirtuose prognostiziert, doch das Auftreten einer Hyperakusis – einer Störung des Hörsinns, bei der sogar alltägliche Geräusche als schmerzhaft laut empfunden werden – machte diese Karriere zunichte. Niki trägt stets Ohrpfropfen und mitunter zusätzlich große Kopfhörer. Mit seinem greisen Mentor Harry Horowitz (Dustin Hoffman) besucht er stinkreiche New Yorker oder große Konzertsäle, um Klaviere zu stimmen. Bei einem dieser Jobs begegnet er nicht nur der ehrgeizigen Kompositionsstudentin Ruthie (Havana Rose Liu) und verliebt sich in sie, sondern auch dem aus Litauen stammenden Sicherheitsexperten Uri (Lior Raz). Und der erkennt viel Potenzial in Niki, denn sein absolutes Gehör macht es ihm möglich, Tresore zu knacken. So begibt sich der Klavierstimmer auf die schiefe Laufbahn, auch weil er dem finanziell angeschlagenen Harry und seiner Frau helfen will. Doch von dieser schiefen Bahn kommt man nicht mehr so leicht wieder herunter.
Der erst 33-jährige Koautor und Regisseur Daniel Roher erzählt, dass er nach dem Gewinn des Oscars für den Dokumentarfilm „Nawalny“ 2023 in ein tiefes kreatives Loch gefallen sei. Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte er die Geschichte über einen jungen Mann, der ebenfalls – hier durch eine Krankheit – seiner Kreativität beraubt wurde. Wie ordnet man dann sein Leben neu? So entstand ein packender Mix aus Thriller und Künstlerdrama mit komödiantischen Ansätzen. Denn besonders im Verhältnis zwischen Niki und Harry steckt viel komisches Potenzial mit etlichen verbalen Scharmützeln. Zudem ist dies ein Film, der das Zuhören lehrt, ist hier doch die Tonebene mindestens so wichtig wie die gediegenen Bilder. Und es ist eine große Freude, den bald 89 Jahre alten Dustin Hoffmann mit viel Spielwitz auf der Leinwand zu sehen.
Martin Schwarz