Verflucht Normal - Dotty (Maxine Peake) richtet John (Robert Aramayo) die Fliege, Foto © Wild Bunch Germany
Kinostart: 28.5.; Regie: Kirk Jones;
Darsteller: Robert Aramayo, Maxine Peake, Peter Mullan, Shirley Henderson
Was haben Leonardo DiCaprio, Timothée Chalamet, Ethan Hawke und Michael B. Jordan gemeinsam? Die Top-Stars wurden beim BAFTA, dem britischen Oscar, vom 33-jährigen Newcomer Robert Aramayo in den Schatten gestellt, der als Bester Hauptdarsteller auf dem Siegertreppchen stand. „Fuck the Queen!“ lautet einer der ersten Sätze. Anno 2019 soll John Davidson mit dem „Order of the British Empire“ ausgezeichnet werden. Weil er am Tourette-Syndrom leidet, rutschen ihm bisweilen unbewusst obszöne Schimpftiraden heraus. Ob die Queen amused war bei dieser Verleihung, ist nicht überliefert; sie wäre es gewiss gewesen, wenn sie dieses Meisterstück des britischen Kinos noch erlebt hätte. Ihr Volk jedenfalls ist völlig aus dem Häuschen: 87 % stimmten bei der ComScore-PostTrak-Publikumsumfrage mit „Exzellent“ – der höchste Wert, den je ein Film erreichte. John (Robert Aramayo) lebt bei seiner alleinstehenden Mutter. Er ist ohne Job und ohne Freunde. Dann meint es das Schicksal unvermittelt gut mit ihm. Er trifft zufällig einen einstigen Schulfreund und lernt dessen Mutter Dottie kennen. Sie wird zum rettenden Engel und findet sogar einen Job für ihn. Mit der Verfilmung der Autobiografie „I Swear“ gelingt „Lang lebe Ned Devine“-Regisseur Kirk Jones ein Coup: Wahrhaftigkeit und hoher Unterhaltungswert sorgen für eine Aufklärungskomödie der Spitzenklasse. Die Figuren sind mit psychologischer Präzision entwickelt, exzellent gespielt und verströmen enormes Empathiepotenzial. Bei allem Drama sorgt britischer Humor vom Feinsten für den notwendigen Ausgleich: vom minutenlangen Tic-Battle im Auto bis zum „Fuck the Queen“-Ausruf bei der Ordensverleihung. Ob man darüber lachen darf? Im Abspann gibt der reale John Davidson die Antwort. In Archivaufnahmen erklärt er, dass er selbst bisweilen darüber lachen muss, was er so sagt. Nicht nur ein Feel-Good-, sondern ein Feel-Better-Movie!
Dieter Oßwald