Film

Nürnberg

veröffentlicht am 16.04.2026 | Lesezeit: ca. 3 Min. | von DP Redaktion

Nürnberg: Douglas M. Kelley (Rami Malek) mit Hermann Göring (Russel Crowe)

Nürnberg: Douglas M. Kelley (Rami Malek) mit Hermann Göring (Russel Crowe), Foto © Courtesy of Sony Pictures Classics, Foto: Scott Garfield

Kinostart: 7.5.; Regie: James Vanderbilt;
Darsteller: Russell Crowe, Rami Malek, Richard E. Grant, Michael Shannon

„Ich ergebe mich ganz förmlich. Mein Gepäck ist im Auto!“ Mit dieser Aussage verblüfft Hermann Göring jene US-Soldaten, die ihn am 7. Mai 1945 festnehmen wollen. Der Krieg ist vorbei. Der Führer beging Selbstmord. 70 Millionen Menschen sind gestorben. Der „Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches“ gibt weiterhin den Herrenmenschen. Zusammen mit anderen Nazi-Größen wird ihm in Nürnberg der Prozess wegen Kriegsverbrechen gemacht. Im Auftrag der US-Armee soll der Psychologe Douglas M. Kelley die Beschuldigten untersuchen. „Wir müssen herausfinden: Was macht die Deutschen anders?“, lautet sein Auftrag. Göring beherrscht die Kunst der Manipulation: „Wir werden Freunde sein!“, schmeichelt er dem Ermittler. „Sie werden berühmt werden! Und ich bin Ihr Ticket!“, setzt er den Psychologen unter Druck. Auch seine Ehefrau und die Tochter nutzt der Hitler-Stellvertreter für Sympathiewerbung. Prompt freundet sich Kelley mit der Familie vom „Onkel Hermann“ an. Der hält derweil die Gruppe der Angeklagten zusammen. Und gibt sich als Unschuldslamm. „Ich wollte nur das Beste für mein Land. Sagen Sie mir nicht, dass Sie das nicht auch gewollt hätten.“ Als Filmaufnahmen aus einem KZ im Gericht gezeigt werden, verstummt Göring nur kurz. Von einer „Endlösung“ habe er nie gesprochen, das alles sei ein Übersetzungsfehler.

Mit „The Amazing Spider-Man“ und der „Scream“-Serie avancierte James Vanderbilt zur Profitmaschine der Traumfabrik. Umso erstaunlicher, dass er sich nun an diesen sperrigen Stoff eines NS-Dramas wagt. Immerhin kann er sich gleich zwei Oscar-Preisträger für das Duell Gut gegen Böse leisten. Freddy-Mercury-Darsteller Rami Malek beißt sich als eher blasser Psychologe am charismatischen Ex-„Gladiator“ Russell Crowe alias Göring ziemlich die Zähne aus – was bei den realen Figuren freilich durchaus wahrscheinlich gewesen sein könnte. Den Kriegsverbrecher nicht zum bloßen Monster zu reduzieren, das allzu leicht abzulehnen wäre, sondern ihn zugleich als Familienmenschen zu präsentieren, erweist sich als gelungener Schachzug: Umso dringlicher stellt sich so die Frage, wie solche Abgründe des Bösen entstehen können. Der Einbau von Originalaufnahmen von der Befreiung eines KZs wäre vor einigen Jahren hierzulande überflüssig gewesen, weil solche Schreckensbilder aus dem Schulunterricht bekannt waren. Mittlerweile scheint dieser reale Horrortrip eine sinnvolle Warnung, wohin totalitärer Extremismus mit populistischen Narzissten führen kann.

Dieter Oßwald

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