Zu den bekanntesten Labels aus Lissabon zählt auch das auf afro-portugiesischen Clubsound ausgerichtete Prinícipe Discos, das sein 15-jähriges Bestehen dort sowie in London und Paris feiert und mich schon vor Jahren beim niederländischen Le Guess Who? Festival beeindruckte. Aktuell erschien „DJs Di Guetto Vol. II“ von DJs Di Guetto, hinter denen DJ Marfox und DJ Nervoso und auch noch Fofuxo, Jesse, NK und Pausas stecken. Hard Techno verkörpert die Intention des Albums: ein Feuer zu entfachen, wo immer die Beats erklingen. Die Musik sprühte nur so vor Energie. Alle waren 2007 noch jung und die Jugend spielt definitiv eine Rolle bei der furchtlosen Präsentation puristischer Dance-Musik-Produktion. Volume 2 kommt direkt aus dem Archiv der Crew und enthält fast ausschließlich unveröffentlichte Tracks. Live wär das schon mal wieder toll…! +++ Begeben wir uns mal wieder nach Uganda. Von Kinact erschien „Kinshasa in Action“ [nyege nyege tapes] auf dem Label aus Kampala. Das in Kinshasa ansässige Street-Art-Kollektiv bewegt sich an der Schnittstelle von Klang, Bewegung und Skulptur und verschmilzt Performance und Ritual auf seinem Debütalbum mit basslastiger und perkussiver Musik. Gegründet 2015 von Eddy Ekete, hat Kinact den öffentlichen Raum Kinshasas in ein lebendiges Theater verwandelt, in dem Abfall zu Insignien wird und Straßenprozessionen Zeugnis von Umweltverschmutzung, Aberglauben, geschlechtsspezifischer Gewalt und postkolonialen Narben ablegen. Bekannt für ihre aufwendigen Kostüme aus Flaschen, Drähten, Reifen, Puppen und Abfall, verbindet ihre Arbeit Skulptur, Aktivismus und Ahnenverehrung. Kostüme dienen dabei gleichzeitig als Instrumente, und Werkzeuge werden zu rhythmischen Waffen umgedeutet. 2022 reiste eine Kerngruppe unter der Leitung von Ekete für einen zweimonatigen Aufenthalt zum Nyege Nyege HQ nach Kampala und betrat dort zum ersten Mal das Studio. Kinact, ursprünglich ein Straßenkünstler*innenkollektiv mit über 10 Personen, verwandelte dies in eine provisorische Werkstatt. Kostüme wurden zu Instrumenten umfunktioniert, und mit Bohrmaschinen, Motorradteilen, Sägen, Hämmern und Nägeln wurden selbstgebaute Xylophone und improvisierte Trommeln erweitert. Das Ergebnis ist ein Werk, das sich auf schockierende Weise in die kongolesische Landschaft einfügt und gewiss nicht nur in diese. Afrofuturismus at its best! +++ Auf dem gleichem Label kommt von Serokolo 7 „Maramfa Musick Pro“ [nyege nyege tapes]. Mapanta ist eine in Ga Skhukhune in Limpopo, der Heimat der Bapedi, verwurzelte elektronische Musikform. Lange vor Streaming-Plattformen und Clubs diente Mapanta als sozialer Soundtrack, gespielt bei Hochzeiten, traditionellen Festen und Jugendtreffen. Es ist kein Clubgenre im herkömmlichen Sinne, sondern eine lebendige, gemeinschaftliche Praxis – Musik als soziales Bindemittel, Zeremonie und kollektiver Ausdruck von Emotionen. Im Zentrum des aktuellen Mapanta-Revivals steht Serokolo No. 7, ein 27-jähriger Produzent, DJ und Sound-System-Betreiber, der weithin als Pionier der heutigen Form des Sounds gilt. Seine Arbeit verbindet jüngere Generationen mit einer Musik, die sowohl traditionsreich als auch zukunftsorientiert ist. Der Gesang wird hauptsächlich in Sepedi vorgetragen und dient weniger als eingängige Melodie, denn als Lobpreis und Anrufung. Diese Veröffentlichung dokumentiert Mapanta als lebendige Dorfpraxis, die durch Tanz, Erinnerung, Software, Lautsprecher und gemeinsam genutzte Festplatten weitergegeben wird. +++ Ein weiterer Release auf dem Label kommt von E'du & Judgitzu mit „Nuku“ [nyege nyege tapes], zwei jeweils ca. 30-minütige Tracks, die einen Mix ergeben. Das togolesische Vodou-Ensemble E'du und der französische Produzenten Judgitzu sind tief in der Vodou-Praxis verwurzelt. Trommeln, Glocken und Wechselgesang stehen im Zentrum. Wiederholung ist die Methode. „Nuku“, das Ewe-Wort für „Auge“, verweist auf Aufmerksamkeit und Instinkt. Die Methoden sind uralt. Die Werkzeuge sind aktuell. Das Ziel ist Trance. +++ Auf dem Schwesterlabel kündigt sich „Abizzmo“ von Ansiedad1000 [hakuna kulala] an. Mit diesem Album präsentiert Tony Gallardo – der unberechenbare mexikanische Musiker hinter María y José und einem Dutzend weiterer Kultprojekte – sein bisher persönlichstes und zugleich seltsam schönstes Werk. Er tauscht Reggaeton-Verfremdungen und Noise-Cumbia-Experimente gegen eine Indie-Pop-Vision im Breitwandformat: ängstlich, psychedelisch und unerwartet zart. Shoegaze-Verzerrung, Lo-Fi-Nebel und ein rastloser Experimentalismus, wie er auf frühen Anticon-Veröffentlichungen zu finden war, finden sich hier. +++ In diesem Sinne, habt einen schönen Frühling!
stefan wagner