Kinostarts

„Es sollte sich nicht wie eine Geschichtsstunde anfühlen!“

veröffentlicht am 26.03.2026 | Lesezeit: ca. 8 Min. | von Vroni Sterner

Kinosaal

Kinosaal, Foto © pixabay/Yamu-Jay

Interview mit James Vanderbilt zum Kriegsverbrecher-Drama „Nürnberg“

Er schrieb für David Fincher das Drehbuch zum Krimi „Zodiac - Die Spur des Killers“ und für Roland Emmerich zum Actionstreifen „White House Down“. Auch bei „The Amazing Spider-Man“ sorgte James Vanderbilt für die Story, ebenso wie bei den legendäre Horrorfilmen der „Scream“-Reihe, wofür er zugleich als Produzent auftrat. Doch der 50-Jährige kann nicht nur Popcorn-Kino. Mit Russell Crowe als Hermann Göring inszeniert er das Kriegsverbrecher-Drama „Nürnberg“. Mit dem Regisseur und Autor unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.

Doppelpunkt: Mister Vanderbilt, von „Spider-Man“ und „Scream“ zu einem Politfilm über NS-Verbrechen - wie kommt es zu diesem Spagat?
Vanderbilt: Ich liebe alle Arten von Kino. Ich mache Filme so, wie ich selbst gern Filme schaue. Dabei möchte ich mich nicht auf nur ein Genre beschränken. Ein Steak ist großartig, aber man möchte nicht eine ganze Woche lang jeden Abend Steak essen. Man möchte Abwechslung. Ich hatte das Glück, in vielen unterschiedlichen Genres arbeiten zu können.

Doppelpunkt: Geht Popcorn-Kino leichter von der Hand als ein Film über Kriegsverbrecher? Oder ist jeder Film der gleiche Job?
Vanderbilt: Nein, „Nürnberg“ war einer meiner schwierigsten Filme. So ein Projekt kostet sehr viel Energie. Ein Grund ist natürlich das Thema selbst. Und ehrlich gesagt sind solche Filme schwerer zu finanzieren. Es wird immer einen neuen Spider-Man geben. Ich hatte das Glück, Teil von diesem Franchise zu sein. Für mich ist das, als ob man für eine Zeit den Schlüssel zu einem Ferrari bekommt, ihn fahren darf und ihn danach an die nächste Person weitergibt. Ich mag solche Filme und mache sie gern. Aber ein Projekt wie „Nürnberg“ macht einen mehr stolz. Eine Geschichte mit einem so wichtigen Thema zu erzählen, habe ich sehr ernst genommen.

Doppelpunkt: Gemeinhin werden im Kino die Nazi-Größen als Monster dargestellt. Bei Ihnen hat Göring durchaus charmante Seiten. Warum ist es wichtig, auch diese Seite zu zeigen?
Vanderbilt: Viele Menschen wissen nicht, dass Hermann Göring, anders als Hitler, unglaublich witzig, charmant und gesellig war. Jemand beschrieb ihn einmal als den besten Dinnergast, den man sich vorstellen kann. Zwischen Göring und dem Psychologen gibt es eine gewisse Verführung, ein Einfangen. Deshalb wollte ich dafür einen Filmstar. Jemanden mit der Ausstrahlung eines Russell Crowe, den das Publikum seit 25 Jahren liebt, für den es mitgefiebert hat. Mich reizte die Idee, dieses Verhältnis zwischen Schauspieler und Publikum zu nehmen und es umzudrehen und gewissermaßen als Waffe zu benutzen.

Doppelpunkt: Gehört dazu auch die Darstellung von Göring als Familienmensch, mit liebender Frau und kleiner Tochter? Besteht nicht die Gefahr, dass man ihn dadurch als lieben Onkel erscheinen lässt?
Vanderbilt: Für mich ist es beängstigender zu zeigen, dass solche Menschen ihre Familien lieben konnten. Es ist gefährlich, wenn wir sagen: Diese Menschen sind völlig anders als wir. Wir sind die Guten, sie sind die Bösen. In Filmen ist der Bösewicht wie Darth Vader klar erkennbar. In der Realität funktioniert das nicht so. Menschen können schreckliche Dinge tun und trotzdem ihre Familien lieben. Dreidimensionale Figuren sind ehrlicher als einfache Kategorien von Gut und Böse.

Doppelpunkt: Auf die Frage, weshalb er sich so zu Hitler hingezogen fühlte, antwortet Göring: „Er ließ mich wieder deutsch fühlen.“ Würden Sie zustimmen, wenn Zuschauer diesen Vergleich zu „Make America Great Again“ ziehen, oder geht das zu weit?
Vanderbilt: Das Interessante ist, dass ich diese Zeile vor dreizehn Jahren geschrieben habe, lange bevor irgendjemand diese Formulierung kannte. Der Satz stammt aus der Buchvorlage „22 Cells in Nuremberg“ von Douglas Kelley. Die Idee, wieder stolz auf das eigene Land sein zu können, zog viele Menschen zur NSDAP. Für Göring selbst war das etwas, das man instrumentalisieren konnte, um Macht zu gewinnen. Macht war sein eigentlicher Antrieb. Menschen, die um jeden Preis Macht suchen, gab es schon immer und es gibt sie bis heute.

Doppelpunkt: Verstehen Sie „Nürnberg“ als Warnung vor aktuellen Entwicklungen?
Vanderbilt: Als ich mit David Fincher gearbeitet habe, gab er mir den guten Ratschlag: „Gute Filme stellen Fragen, schlechte Filme geben Antworten.“ Wenn Menschen nach dem Film Fragen stellen und über die Welt nachdenken, in der wir heute leben, dann habe ich meine Arbeit gemacht. Ich habe Probleme, wenn Filme sagen: Das ist die Botschaft. Die großen Kunstwerke bringen uns dazu, Dinge anders zu sehen und sie zu hinterfragen.

Doppelpunkt: Welche Funktion hatte es, im Gerichtsverfahren die Originalaufnahmen aus den Konzentrationslagern zu zeigen?
Vanderbilt: Wir haben diese Aufnahmen in der Gerichtsszene gezeigt und die Schauspieler vorab bewusst nicht darauf hingewiesen. Ich wollte diese erste Reaktion festhalten. Am Drehtag waren etwa 300 Komparsen anwesend. Wir hielten eine Schweigeminute ab und dann starteten wir die Aufnahmen. Die Reaktionen der Schauspieler sind ihre echten Reaktionen. Natürlich spielen sie weiterhin, aber man sieht die Wirkung dieses Materials. Andreas Pietschmann, der Rudolf Heß spielt, sagte mir später: Für uns Deutsche ist das anders. Wir haben diese Filme jedes Jahr in der Schule gesehen. Das hat mich sehr beeindruckt.

Doppelpunkt: Wie wichtig waren die historischen Fakten? Zum Beispiel das, was Julius Streicher gesagt hat. Ist das erfunden oder stammt es aus Protokollen?
Vanderbilt: Das ist real. Über die Hinrichtungen gibt es nur wenig Dokumentation. Es gab keine Kameras und keine Tonaufnahmen, aber Dinge wurden schriftlich festgehalten. Das waren seine tatsächlichen letzten Worte. Mir war wichtig, den gesamten Prozess zu zeigen. Die Prozesse selbst wurden umfassend dokumentiert, der Gerichtssaal wurde extra dafür gebaut. Die Hinrichtungen fanden dagegen nachts in einer Turnhalle statt, fast verborgen vor der Öffentlichkeit. Wir haben jedes Detail überprüft. Zuerst dachten wir sogar, die Hinrichtungen hätten draußen stattgefunden, bis unsere Historiker uns korrigierten. Wir wollten in jeder Hinsicht so authentisch wie möglich sein.

Doppelpunkt: Aber es ist kein Dokumentarfilm, also hatten Sie künstlerische Freiheit?
Vanderbilt: Ja. Vieles war Verdichtung. Die Prozesse dauerten ein Jahr. Jackson und Göring standen sich mehrere Tage lang im Gericht gegenüber. Alles, was man im Film sieht, hat stattgefunden, aber wir mussten auswählen, welche Momente wir zeigen.

Doppelpunkt: Warum haben Sie Russell Crowe im Original Deutsch sprechen lassen?
Vanderbilt: Russell hat sehr hart an seinem Deutsch gearbeitet, deshalb hoffe ich, dass es funktioniert hat. Göring sprach tatsächlich Englisch und sprach auch Englisch mit Kelly. Mir war wichtig, die Sprachbarriere bewusst einzusetzen. Wer Deutsch versteht, versteht die Szenen. Wer es nicht versteht, bekommt keine Untertitel. Sprache sollte im Film selbst eine Rolle spielen. Darum war es wichtig, dass Russell Deutsch spricht. Auch Leo Woodall, ein britischer Schauspieler, spielt einen Amerikaner, der Deutsch spricht. Beide haben sich intensiv darauf eingelassen.

Doppelpunkt: Wie waren bisher die Reaktionen?
Vanderbilt: Der Film ist sehr emotional, und das war mir wichtig. Er sollte sich nicht wie eine Geschichtsstunde anfühlen oder wie ein moralischer Zeigefinger. Ich wollte eine emotionale Reise mit Höhen und Tiefen. Viele Zuschauer erzählten mir von ihren Familiengeschichten. Manche Großväter arbeiteten für Jacksons Stab, andere kämpften für Deutschland und wanderten später in die USA aus. Einige Familien sprachen darüber, andere schwiegen ihr Leben lang. Als Filmemacher ist es außergewöhnlich, einen Film zu machen, der Menschen emotional berührt.

Doppelpunkt: Was wird Ihr nächstes Projekt sein? Kehren Sie zu großem Popcornkino zurück oder machen Sie weiter Filme wie „Zodiac“ oder „Nürnberg“?
Vanderbilt: Als Nächstes versuche ich etwas zu machen, das beides verbindet. Darüber darf ich noch nicht sprechen, aber ich schreibe gerade ein Projekt für Paramount, das ich selbst inszenieren werde. Ich liebe intelligente kommerzielle Filme und kommerzielle Filme mit Anspruch.

Dieter Oßwald

Passende Termine

Schlagworte:

Ähnliche Artikel: