Film

„Mit Tom Waits habe ich über Holzhacken geplaudert.“

veröffentlicht am 15.02.2026 | Lesezeit: ca. 7 Min.

Father Mother Sister Brother - Lilith (Vicky Krieps) auf dem Weg zum  alljährlichen Pflichtbesuch bei ihrer Mutter

Father Mother Sister Brother - Lilith (Vicky Krieps) auf dem Weg zum alljährlichen Pflichtbesuch bei ihrer Mutter, Foto © Vague Notion 2024 Photo Yorick Le Saux

Interview mit Jarmusch-Star Vickie Krieps zu „Father, Mother, Brother, Sister“

Sie war die Kaiserin Sisi in „Corsage“ von Marie Kreuzer. Für Margarethe von Trotta übernahm sie die Titelrolle in „Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste“. Viggo Mortensen engagierte sie für seinen Western „The Dead Don’t Hurt“. Und an der Seite von Daniel-Day Lewis spielte in „Der seidene Faden“ von Paul Thomas Anderson, der für sechs Oscars nominiert war. Die eindrucksvolle Karriere von Vicky Krieps, 1983 in Luxemburg geboren, erweitert sich um klingenden Namen. An der Seite von Cate Blanchett und Charlotte Rampling spielt sie in „Father, Mother, Brother, Sister“ von Jim Jarmusch, der in Cannes die Goldene Palme gewann. Mit der Schauspielerin, die zugleich Präsidentin der Deutschen Filmakademie ist, unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.

Doppelpunkt: Frau Krieps, wie cool ist es mit dem Master of Coolness am Set? Wie arbeitet Jim Jarmusch?

Krieps: Die Frage ist ja zuerst einmal, was cool überhaupt bedeutet. Ich glaube, Jim Jarmusch ist cool, weil er eigentlich gar nicht cool sein will. Seine Coolness entsteht aus einer sehr ehrlichen Haltung sich selbst gegenüber. Am Set zeigt sich das darin, dass er offen dazu steht, Dinge nicht zu wissen. Er betritt bewusst diesen Raum des Nichtwissens, in dem Kunst entstehen kann. Das wirkt manchmal wie ein Studentenfilmset, aber im allerbesten Sinne.

Doppelpunkt: Wie wird daraus am Ende ein stimmiges Ergebnis?

Krieps: Er sagt ganz offen, dass er nicht weiß, wo er die Kamera hinstellen soll. Er kommt zu uns und sagt, dass er keine Ahnung hat, woher ein Satz kommt oder was er bedeutet. Er bittet uns dann, ihm zu helfen, die Worte zu sagen, um gemeinsam herauszufinden, was darin steckt. Am Ende macht alles Sinn, weil alles miteinander verbunden ist. Man merkt, dass er Musiker ist und dass das Drehbuch ein zusammenhängendes Konstrukt ist.

Doppelpunkt: Sie haben keine gemeinsame Szene mit Tom Waits, sind Sie ihm dennoch begegnet?

Krieps: Ja, es gab eine Party in New York, auf die ich lange gehofft hatte. Tom Waits war da, und wir haben uns auch am nächsten Tag bei Interviews wieder gesehen. Er setzte sich mir gegenüber und erzählte mir, dass Leute ihm gesagt hätten, unsere Figuren seien sich ähnlich. Das empfand ich als großes Kompliment. Dieses Gespräch war für mich eine der schönsten Erinnerungen an den Film.

Doppelpunkt: Worüber plaudert man mit Tom Waits?

Krieps: Wir haben dann über Holzhacken gesprochen, weil er das gerne macht. Jetzt kann er das nicht mehr, weil er sich verletzt hat und zu alt dafür ist. Er erzählte mir, dass er jetzt Holz kaufen müsse und darüber sehr traurig sei. Ich erzählte ihm von Charlie Hunnam, mit dem ich damals gedreht habe, der ebenfall sein großer Holzhacker-Fan ist. Ich habe ihm angeboten, beim nächsten Besuch Holz mitzubringen.

Doppelpunkt: Wie schaffen Sie Ihre internationale Film-Karriere als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern?

Krieps: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht genau. Oft habe ich das Gefühl, dass ich eigentlich sagen müsste, dass es nicht geht. Irgendwie geht es dann doch, aber es ist sehr chaotisch. Ich sage bewusst viele Jobs ab, um Zeit mit meinen Kindern zu haben, besonders im Sommer. Gleichzeitig muss ich natürlich auch arbeiten und Geld verdienen.

Doppelpunkt: Wie sieht dieser Alltag konkret aus?

Krieps: Es ist ständig irgendetwas los. Ich lebe inzwischen mit meinem Mann zusammen, der mich sehr unterstützt und den Haushalt übernimmt. Trotzdem bleibt alles zu viel. Da sind Arzttermine, Schule, Sport, Sorgen der Kinder und gleichzeitig die Arbeit am Set. Es ist ein dauerhaftes Durcheinander, das nie wirklich aufhört.

Doppelpunkt: Was bedeutet Familie für Sie persönlich?

Krieps: Familie ist ein Konstrukt, aber das gilt auch für viele andere Dinge im Leben. Viele Menschen werden in Familien geboren, in denen sie sich nicht zugehörig fühlen. Das kann sehr schmerzhaft sein, und es kann befreiend sein, sich das einzugestehen. Dann beginnt oft die Suche nach einer neuen Familie, etwa in Freundschaften. Für mich war das oft auch die Filmfamilie. Der Begriff Familie kann dabei helfen, einen Ausgangspunkt zu haben. Gleichzeitig sollte man sich erlauben, weiterzugehen und neue familiäre Bindungen zu finden. Familie sollte kein starres Konzept sein. Wichtig ist, welche Familie einem gut tut.

Doppelpunkt: In Cannes wurden Sie mit der Aussage zitiert, das deutsche Kino sei kaputt gemacht worden. Was meinten Sie damit?

Krieps: Ich habe nicht gesagt, dass wir das Kino kaputt gemacht haben, und ich wollte keine Schuld verteilen. Mir ging es darum, anzuerkennen, dass etwas nicht im Reinen ist. Ich beobachte in Deutschland eine Haltung aus Scham und Resignation an entscheidenden Stellen. Daraus entsteht oft ein Abwinken nach dem Motto, so sei es eben. Diese Haltung finde ich problematisch. Diese Verbitterung könnte man ablegen und stattdessen fragen, was wir überhaupt in Deutschland haben.

Doppelpunkt: Wo sehen Sie die eigentlichen Probleme?

Krieps: Der deutsche Film als Kunstform hat meiner Meinung nach kein Problem, und auch die Künstler und das Publikum haben kein Problem. Die deutsche Denkweise und Sprache sind ein wunderbares Ausdrucksmittel, und wenn man auf Deutsch denken kann, ist das fast eine eigene Kunstform. Das Problem ist eher, dass die Energie zu sehr in Regeln und Strukturen fließt, statt in die Unterstützung des künstlerischen Ausdrucks. Es geht immer darum, Regeln zu schaffen und wieder zu verändern, und das ist oft nach innen gekehrt, statt nach außen.

Doppelpunkt: Sehen Sie sich als Präsidentin der Deutschen Filmakademie in einer Position, etwas zu verändern?

Krieps: Ich glaube nicht, dass ich in der Position bin, etwas Grundlegendes zu verändern, weil es wirklich ein Ehrenamt ist, aber ich sehe meine Verantwortung darin, ehrlich meine Meinung zu sagen und mir alles anzuhören. Ich will keine Gruppe vertreten oder das System verteidigen oder angreifen, sondern ich will der sein, der allen zuhört. Damit kann ich vielleicht ein Zeichen setzen, dass es ums Zuhören geht, weil wenn die Leute sich gegenseitig zuhören würden, würde tatsächlich etwas passieren.

Doppelpunkt: Ist die Arbeit mit einer Ikone wie Charlotte Rampling anders als mit anderen Schauspielerinnen?

Krieps: Man hat auf jeden Fall viel Respekt, aber dieser Respekt hält nur einen Tag an, und dann begibt man sich in den Raum, wo man miteinander arbeitet, und dann wird es normal. Ich mache das bewusst, weil ich versuche, aus dem Kopf zu gehen, und Respekt ist nichts, was mich nervös machen sollte, weil Respekt bedeutet, dass ich diesen Menschen liebe und toll finde. Nervosität entsteht eher durch Vergleiche oder durch die Frage, wie man bewertet wird, und das versuche ich zu vermeiden. Ich bleibe im Moment und arbeite, weil ich sonst nicht frei reden könnte.

Doppelpunkt: Haben Sie die VIP-Kollegin um Rat gefragt beim Umgang mit dem Ruhm?

Krieps: Charlotte Rampling hat mich darauf angesprochen, weil sie gemerkt hat, dass ich am Set meistens sitzen bleibe und trotzdem in Ruhe gelassen werde. Sie hat beobachtet, dass viele Schauspieler sich schützen, indem sie schwierig werden oder sich verschanzen, und sie wollte wissen, wie ich das mache. Ich habe ihr gesagt, dass ich relativ früh bewusst entschieden habe, dieses VIP-Spiel nicht mitzuspielen, weil ich gesehen habe, dass Daniel Day-Lewis durch seine Unnahbarkeit sein eigenes Monster kreiert hat. Wenn man sich abschottet, wird man noch interessanter und bekommt noch mehr Aufmerksamkeit, aber ich wollte das nicht. Ich trete mit normaler Energie in einen Raum, und dadurch werde ich nicht so behandelt wie ein besonderer Mensch.

Dieter Oßwald

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