Film

In die Sonne schauen

veröffentlicht am 15.07.2025 | Lesezeit: ca. 2 Min. | von Vroni Sterner

In die Sonne schauen: Liane Düsterhöft (l.), Hanna Heckt (r.)

In die Sonne schauen: Liane Düsterhöft (l.), Hanna Heckt (r.), Foto © Studio Zentral

Kinostart: 28.August; Regie: Mascha Schilinski; Darsteller: Lena Urzendowsky, Susanne Wuest, Lea Drindam, Hannah Heckt.

Der Coup von Cannes: Frauen gewinnen beim weltweit wichtigsten Filmfestival so selten wie Deutsche. Umso spektakulärer also dieser Jury-Preis für das zweite Werk von Mascha Schilinski. Es ist ein Mammutwerk der radikalen Art. In 145 Minuten werden 100 Jahre deutsche Geschichte aufgerollt. Es geht um die Schicksale von vier Frauen aus vier Epochen, deren Leben auf geheimnisvolle Weise miteinander verwoben sind. Sie heißen Alma (1910er), Erika (1940er), Angelika (1980er) und Nelly (2020er). In einem abgelegenen Bauernhof in der Altmark erleben sie die Kindheit und Jugend. Die scheinbare Geborgenheit erweist sich als trügerisch. Es lauern allerlei verdrängte Ängste und Traumata. Wie in einem Kaleidoskop wird das Generationenepos erzählt, die Zeitebenen verschwimmen. Mal sieht man die junge Elisabeth als Kind, mal begegnet man ihr als Erwachsene. Vergangenes und Gegenwärtiges fließen ineinander, ohne dass der Film eingreift und erklärt. Statt linearer Dramaturgie entwickeln sich die Geschichten mit assoziativen Bildern. Es gibt keine Eskalationen, keine großen Enthüllungen. Stattdessen entwickelt sich die Spannung durch Blicke, durch verschluckte Sätze, durch das Ausweichen. Die Kamera bleibt ruhig, die Szenen sind oft statisch, fast beklemmend. Hier wird nicht erzählt, hier wird beobachtet. Die visuelle Wucht der atmosphärisch dichten Bilder zieht das Publikum wie in einem Sog in dieses Drama. Ein Film über das, was bleibt, wenn man sich nicht ausspricht. Und über das, was Kinder mitnehmen, ohne es zu wollen. Wer hinschaut, erkennt vieles wieder. Nicht im Plot, sondern im Gefühl. Wer sich auf die rigorose Erzählweise einlässt, wird mit einem eindrucksvollen Leinwanderlebnis belohnt. Kein Wohlfühlfilm, aber einer, der hängen bleibt. Dieter Oßwald

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